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"Schänk mir diis Härz!" - Organspende in der Schweiz

Ist Organspende Geschenk oder Anrecht?

Diskussion zu ethischen Fragen rund um Organspende und den Wert des Lebens

Seit die Transplantation zahlreicher Organe alltäglich geworden ist, wächst auch der Bedarf nach Spenderorgane stark. Im Mai 2022 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die sogenannte erweiterte Widerspruchslösung ab. Bei dieser Regelung gilt grundsätzlich jede Person als Organspenderin oder als Organspender. Wer das nicht möchte, muss dies zu Lebzeiten explizit festhalten. Das Thema Organspende wird in der Schweiz konträr diskutiert und wirft teils provokante Fragen auf.
Genau zu diesen Fragen fand am 9. April 2022 in Zug die Veranstaltung "Schänk mir diis Härz!" statt. Organisiert im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen dem Sozialethik-Institut «ethik22» und dem Forum Kirche und Wirtschaft.

Den Auftakt zur Tagung machte Hans Niggeli, Theologe, Spitalseelsorger und Fachstellenleiter Spezialseelsorge der röm.-kath. Kirche Kanton Aargau, mit seinem Input und der Frage „Wann sind wir tot?“.

Im Anschluss stellte Prof. Dr. theol. Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik EKS, die zur Abstimmung vorliegenden Modelle der Organspende vor und stellte hierbei die Frage in den Raum „Wer entscheidet über meine Organe?“

"Ist Organspende Geschenk oder Anrecht?". Diese Frage und die Frage nach dem Wert des Lebens beleuchteten Prof. Dr. Mathwig, Dr. med. Corine Mouton Dorey, Expertin am Institut für Biomedizinische Ethik der Uni Zürich, und Dr. theol. Thomas Wallimann, Sozialethiker und Politiker in der anschliessenden Podiumsdiskussion.  

Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden nicht nur spannende Vorträge, sondern auch Raum für intensiven Austausch und persönliche Reflexion. In einer abschließenden Runde konnten die Teilnehmenden ihre eigenen Perspektiven einbringen und die gewonnenen Erkenntnisse vertiefen.

Podium: Dr. med. Corine Mouton Dorey, Prof. Dr. theol. Frank Mathwig und Gesprächsleiter Dr. theol. Thomas Wallimann
Dr. Franz Immer, Facharzt für Herzchirurgie und Direktor Swisstransplant, stellte sich den zahlreichen herausfordernden Fragen von Gesprächsführer Thomas Wallimann zum Systemwechsel und zur aktuellen und zukünftigen Infrastruktur bei der Organspende.

Pressemeldung Luzerner Zeitung, 19.04.2022

Katholische Kirche diskutiert über diverse Aspekte der Organspende

Fachleute haben kürzlich Fragen rund um das Spenden von lebensrettenden Organen in Zug behandelt.

Das Forum Kirche und Wirtschaft der Katholischen Kirche Zug hat vor kurzem zusammen mit weiteren Veranstaltern verschiedenste Aspekte rund um Leben, Tod und die Organspende mit Fachleuten vertieft behandelt und diskutiert. «Herz im Tausch gegen Niere» – so einfach geht das in der Spitalwirklichkeit bei Organspenden natürlich nicht. Herz gegen Niere ist aber mehr als ein Gedankenspiel. Frank Mathwig, Professor für Ethik an der Universität Bern und Mitglied der nationalen Ethikkommission, ruft zum Perspektivenwechsel auf: «Was wäre, wenn ich morgen ein Herz oder eine Niere brauchen würde?» Auch Franz Immer, Direktor der Stiftung Swisstransplant, weist darauf hin: «Wir alle können auf der Warteliste für ein Organ landen.»

Dazu Zahlen zur Organspende in der Schweiz: Auf der Warteliste für ein Organ standen 2020 insgesamt 1457 Personen, Transplantationen wurden 519 vorgenommen. Auf eine Million Verstorbene kommen 20 Personen, die ein Organ zur Verfügung stellen. Diese tiefe Zahl steht in einem Missverhältnis zur Bereitschaft zu einer Organspende, wie sie in Umfragen erhoben wird.

Wer entscheidet über Organe?

Es sind verschiedene Blickwinkel auf das Thema möglich. Zuerst einmal geht es um die Frage des Todes: Wann ist ein Mensch tot, und damit verbunden die Frage, wann dürfen Organe entnommen werden? Die Antwort fällt nicht einfach aus: Die menschliche Hülle des Körpers zerfällt mit dem Tod, verschwindet damit aber auch die Seele? Hans Niggeli, Theologe und Klinikseelsorger im Kanton Aargau, formuliert es so: «In den Organen ist das bisherige Leben mit all seinen Erfahrungen gespeichert.» Lebe ich also bei einer Organspende in einer anderen Person weiter?

Für Frank Mathwig bedeutet daher über den Tod nachzudenken immer auch, über das Leben nachzudenken. Als Theologe und Ethiker ist ihm der Schutz der Persönlichkeit, also das Grundrecht auf körperliche Integrität, ganz wichtig. Er braucht dazu das Bild der Haut, die Grenze zwischen der einzelnen Person und der Aussenwelt. Der Staat habe keinen willkürlichen Zugriff auf den Menschen, von aussen auf das Innere des Menschen. Auf der anderen Seite hat der Mensch die Möglichkeit, sich nach aussen zu öffnen. Solidarität von Mensch zu Mensch, auch bei der Organspende, sei immer freiwillig.

Auch wenn gemäss Statistik von 1457 Personen auf der Warteliste deren 72 während dieser Zeit des Wartens verstorben sind, betont auch Corine Mouton Dorey, Professorin für Biomedizin an der Universität Zürich, die Freiwilligkeit der Spende: «Es gibt keinen Rechtsanspruch, ein Organ zu erhalten.» Frank Mathwig plädiert daher für mehr Information zur Organspende.

Franz Lustenberger, für das Forum Kirche und Wirtschaft - Bericht 19.04.2022, Luzerner Zeitung

Journalist Franz Lustenberger (rechts) im Gespräch mit Prof. Dr. theol. Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik EKS.

Franz Lustenberger (rechts) im Gespräch mit Frank Mathwig.

Impressionen

v.l.: Franz Immer, Hans Niggeli, Corine Mouton Dorey, Thomas Hausheer und Frank Mathwig; Christine Sasaki, Thomas Wallimann und Jonas Sagelsdorff von ethik22.

Organisatoren der Veranstaltung

"Wichtig & Richtig" - eine Veranstaltung im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen dem Sozialethik-Institut "ethik22" und dem Forum Kirche und Wirtschaft.

Thomas Wallimann, ethik22 und Thomas Hausheer, Forum Kirche und Wirtschaft.